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Mehr als 1200 Besucher in der Bürgerversammlung

In mancherlei Hinsicht war diese Bürgerversammlung ein Abend der Superlative: Es ging um die Planung für den Neubau der B519, um ein Straßenbauprojekt mit gigantischen Ausmaßen und weitreichenden Folgen. Die Versammlung dauerte fast bis Mitternacht. Und es waren schätzungsweise mehr als 1200 Bürgerinnen und Bürger gekommen – das war eine erste Riesenüberraschung noch vor dem eigentlichen Beginn der Veranstaltung. Kühnste Vorstellungen der Gemeinde sind damit weit übertroffen worden. Schnell waren alle Stühle in der Kleinen Schwarzbachhalle besetzt, und bald gab es auch keine Stehplätze mehr. Vor der Tür begehrte eine Menge weiterer Besucher Einlass.

Kurzfristiger Umzug in die große Halle

Umzug in die große Halle

Was tun? Kurzfristig entschieden sich der Parlamentsvorsitzende Bodo Knopf, Bürgermeister Christian Seitz und der Erste Beigeordnete Franz Jirasek für einen „Umzug“ in die große Halle, wo Handballer der TuS sich spontan bereit erklärten, ihr Training abzubrechen. Seitz dankte ihnen und bat die Besucher um Entschuldigung dafür, dass man mit einem derart hohen (und natürlich auch überaus erfreulichen) Interesse an der Veranstaltung nicht gerechnet hatte. So zog man um. Wer einen Stuhl hatte, nahm ihn mit in die große Halle. Dort war die Tribüne bald voll besetzt und auch der Innenraum füllte sich schnell. Der Umzug der Projektions- und Tontechnik war eine beträchtliche Herausforderung, die jedoch in relativ kurzer Zeit gemeistert wurde, weil viele Helfer dabei anpackten, einschließlich der Rathauschef und der Erste Beigeordnete selbst.

Bürgermeister Seitz: Das ist Kriftel!

„Mit vereinten Kräften haben wir es geschafft!“ konnte Seitz schließlich den Beginn der Versammlung einleiten. Und er stellte nicht ohne Stolz in Richtung der Gäste vom Amt für Straßen- und Verkehrswesen (ASV) Wiesbaden dazu fest: „Das ist Kriftel!“ Im weiteren Verlauf sollte die stellvertretende Amtsleiterin Uta Etienne mit ihrem Expertenstab auch weitere Eigenheiten der Krifteler kennen lernen: Die Ausführungen der Experten wurden mit hoher Aufmerksamkeit und auch Geduld verfolgt, auch wenn Manches etwas langatmig und allzu trocken erschien, was jedoch an der Materie lag. Man spürte aber förmlich die Anspannung im Saal, die sich später Luft machte, als die Besucher ihre Fragen stellten. Da war viel Engagement und auch Kampfbereitschaft zu spüren, auch Empörung über die als „menschenverachtend“ empfundene Planung.

Unzumutbare Belastungen

In seinen einleitenden Worten äußerte Seitz seine Freude über das große Interesse der Krifteler an dem Thema und über ihren deutlich spürbaren Willen, sich in dieser Sache zu engagieren. Kriftel habe sich in die bisherigen Planungen stets eingebracht und dabei alternative Vorschläge gemacht. Seitz betonte nochmals, dass das Mittelstück der geplanten Straße mit Untertunnelung der Krifteler Sportanlagen für die Gemeinde nicht akzeptabel sei, da es mit unzumutbaren Belastungen verbunden sei. „Wir haben anerkannt, dass es Probleme mit dem Verkehr in Hofheim gibt, die gelöst werden müssen, aber wir sind mit dem Lösungsweg nicht einverstanden“. Man werde weiterhin im fairen Umgang mit der Nachbarstadt nichts unversucht lassen, um doch noch einen Weg zu finden, „der beiden Kommunen hilft“, so Seitz. Gegen die derzeitige Planung werde man sich aber mit allen Mitteln zur Wehr setzen. Die Krifteler Bürgerschaft bat der Rathauschef dabei um weitere nachhaltige Unterstützung.

ASV: Alle erforderlichen Unterlagen erarbeitet

ASV-Projektleiterin Uta Etienne

ASV-Projektleiterin Uta Etienne begann ihre Ausführungen mit einem kurzen Abriss der 40jährigen Geschichte der Straßenplanung, die in diesem Zeitraum mehrfach angehalten und verändert worden ist. „Wir können heute sagen, dass wir mit unseren aktuellen Unterlagen den modernen Anforderungen an ein solches Projekt genügen“, so Etienne. Das Amt plant die Straße im Auftrag des Bundes. Rein formal hat es seine „Hausaufgaben“ gemacht. Die stellten die Projektleiterin und ihr Expertenteam anschließend vor: Zunächst den geplanten Verlauf der Trasse vom Hochfeld kommend, in einem Brückenbauwerk über die Bahn, L 3011 und Schwarzbach hinwegführend und dann im Bereich der Krifteler Sportanlagen in einem Tunnel versinkend, aus dem die Straße oberhalb der Anlagen wieder auftaucht.

Weniger Belastung, zusätzlicher Verkehr?

Verkehrszählungen hätten ergeben, dass die bis jetzt noch durch die Innenstadt Hofheims führende B 519 mit täglich zwischen 12.700 und 19.700 Fahrzeugen belastet sei, wurde ausgeführt. Mit dem geplanten Straßenneubau würde sich diese Belastung „deutlich reduzieren“. Die Planer gaben allerdings auch zu, dass die neue Straße zusätzlichen Verkehr anziehen werde – das geschätzte Verkehrsaufkommen auf ihr liege bei bis zu 25.000 Fahrzeugen täglich. Für Kriftel haben die Planer eine stärkere Belastung der Kapellenstraße (mit geplantem Anschluss an die B 519 neu) bei Verwirklichung des Vorhabens prognostiziert. Sonst werde es „nicht mehr Durchgangsverkehr als heute“ geben.
Erst bei den Fragen später kam noch einmal zur Sprache, dass in Hofheim der Durchgangsverkehr auf der bestehenden B 519 täglich nur bei 120 Fahrzeugen liegt, das bedeutet im Klartext: In der Kreisstadt wird die erhoffte Entlastung nur punktuell an wenigen Stellen eintreten, während der Verkehr dafür an anderen Stellen zunehmen wird. „Verteilung“ statt „Entlastung“ – bei der Informationsveranstaltung in Hofheim war das ASV auf diesen Aspekt stärker eingegangen. War man in Kriftel hier mit Absicht etwas „vorsichtiger“?

Es muss um die Menschen gehen

Fragen über Fragen

Etwas ungeduldig wurden die Zuhörer bei den Ausführungen des ASV zur „landschaftspflegerischen Begleitplanung“ des Straßenneubaus. Da ging es um Feldhamsterpopulationen in Marxheim, um Fledermäuse und Zauneidechsen. Selbstverständlich ist der Artenschutz ein Thema, das Beachtung verdient. Doch sollte später der Krifteler Lutz Wagner bemerken, dass es doch in der Abwägung in erster Linie um Menschen gehen müsse und um die soziale Verträglichkeit der Planung, was mit starkem Applaus quittiert wurde.

Mit voller Aufmerksamkeit wurden die Aussagen zum Thema Lärm verfolgt. Um die gesetzlich vorgeschriebenen Grenzwerte einhalten zu können, soll die neue Straße mit Lärmschutzwänden ausgestattet werden, die im Norden nach dem Auftauchen aus dem Tunnel sechs Meter hoch sein sollen. „Das sieht natürlich hässlich aus“, gab Etienne zu. Die Maßnahme würde trotzdem nicht ausreichen, um auch die oberen Stockwerke der Mehrfamilienhäuser in der Königsberger Straße wirksam vor dem Verkehrslärm zu schützen. Daher würde der Bund den Betroffenen Unterstützung bei zusätzlichen Schutzmaßnahmen an den Häusern anbieten.

Sorgen um Lärmschutz bleiben

Dass der Lärmschutz ein schwieriges Thema ist, gaben die Planer zu. Der Wert „objektiver“ Messungen ist durchaus fraglich. So zog ein Krifteler später die Berechnungen des ASV stark in Zweifel: Einerseits soll der Kaltluftstrom aus dem Lorsbachtal durch das geplante Brückenbauwerk zwischen dem Hochfeld und dem Sportplatz nicht beeinträchtigt werden, da er so „kräftig“ sei, dass er die Straße über- und unterfließe – ob dadurch nicht auch der Lärm weiter in die Ortsmitte von Kriftel transportiert wird? Grundsätzliche Frage: Reicht es aus, die gesetzlich vorgeschriebenen Untersuchungen durchzuführen, um wirklich alle Auswirkungen eines derartigen Landschaftseingriffs ausreichend beurteilen zu können?

Zwei Jahre Bautätigkeit in den Sportanlagen

Auf die Frage, ob denn die von Kriftel vorgeschlagenen Varianten wie z.B. die sogenannte Stromtrasse hinreichend geprüft worden seien, erklärte Projektleiterin Etienne, dies sei geschehen, mit dem Ergebnis, dass diese Varianten keine „durchschlagende“ Entlastungswirkung brächten. Man könne in der Versammlung aber nicht näher darauf eingehen, da dies den Rahmen sprenge. Zweifel hinsichtlich dieser Aussagen bleiben daher bestehen. In Bezug auf die Nutzbarkeit der Krifteler Sportanlagen sagte Etienne, der Sportplatz werde „wieder so hergestellt“ werden. Allerdings erst nach einer zweijährigen Bauzeit. Für diese Zeit habe die Stadt Hofheim den Krifteler Sportlern eine Nutzung von Anlagen in der Kreisstadt angeboten. Das Publikum reagierte mit Pfiffen auf diese Bemerkung.

Sieben Ampeln Stau vorprogrammiert?

Auf Nachfragen wurde eingeräumt, dass die Feinstaubbelastung am geplanten Tunnelportal sehr hoch sein werde. Die Konzentration „verdünne“ sich aber schnell. Dem könne auch mit einer besonderen Gestaltung des Portals begegnet werden, was aber erst in weiteren Planungsschritten geschehe. Der Krifteler Lutz Wagner brachte einen anderen Aspekt ins Gespräch: Die Planung sieht an den Zu- und Abfahrten der B 519 neu nicht weniger als sieben Ampelanlagen vor. Die starken Höhenunterschiede dürften von Lkws nur sehr langsam zu bewältigen sein. Ist da nicht der tägliche Stau vorprogrammiert? Eine hinreichende Antwort blieb das ASV schuldig. Es hieß lediglich, man sehe ein Tempolimit von 70 km/h auf der Strecke vor.

Ist die Abstufung auf Landesstraße zulässig?

Eine besorgte Bürgerin sprach die noch immer ungelösten Fragen im Zusammenhang mit dem Fußgänger- und Radfahrerverkehr auf der Hofheimer Straße an (u.a. viele Schülerbewegungen von Kriftel nach Hofheim und umgekehrt). Was geschehen soll, wenn diese wichtige Verbindung gekappt wird, ist noch nicht hinreichend durchdacht. Hier wird es Nachbesserungen geben müssen, wie das ASV auch bereits angedeutet hat. Dr. Haldenwang, der Jurist, der die Gemeinde im weiteren Verfahren berät, warf u.a. die Frage auf, ob die geplante Abstufung der B 519 neu nach ihrem Bau von einer Bundes- zu einer Landesstraße rechtlich überhaupt zulässig sei. Viele weitere Fragen ranken sich um diese merkwürdige Praxis. Nach Einschätzung des Juristen fehlt auch das „Verkehrsbedürfnis“, das die Umsetzung des insgesamt 34 Millionen teuren Straßenbaus begründen würde – eben durch den nachweislich sehr geringen Anteil des Durchgangsverkehrs auf der bestehenden B 519.

Dank an die engagierte Krifteler Bevölkerung

Bürgermeister Seitz dankte in seinem Schlusswort zu später Stunde dem ASV für die Informationen und den Besucherinnen und Besuchern für ihr zahlreiches Erscheinen und ihre engagierten Fragen. „Wir werden Sie in den nächsten Wochen und Monaten weiter informieren“, versprach der Rathauschef. Er entschuldigte sich noch einmal für den kurzfristig notwendig gewordenen Umzug. Den Bürgern, die an der Versammlung nicht teilnehmen konnten, bietet Seitz an, sich im Rathaus über das Thema zu informieren und ihre diesbezüglichen Fragen vorzutragen. Die Karten, auf denen Bürger ihre Ablehnung der Planung und ihr Interesse an weiteren Informationen kundtun können, waren in der Versammlung bald vergriffen gewesen. Im Bürgeramt der Gemeindeverwaltung sind sie weiterhin erhältlich – ebenso die Aufkleber mit dem Igel, dem Symbol des Krifteler Widerstands.